Sie sind hier:

Startseite Erfahrungsberichte Meine erste Krankheitsepisode

Meine erste Krankheitsepisode

"Ein Videointerview hätte ich nicht machen können, da ich noch oft weinen muss, wenn ich darüber erzähle, deswegen hab ich die schriftliche Variante gewählt."

"Ich wünschte, ich könnte mit allen offen darüber reden, was mir widerfahren ist, auch um Leute aufzuklären und ihnen Mut zu machen - praktisch ist das aber für mich nicht möglich. Zu groß ist die Angst, dafür verurteilt zu werden und als „verrückt" abgestempelt zu werden. Obwohl ich mich zurück in den Alltag kämpfe und es nicht immer leicht ist und ich nicht perfekt bin, ist die Angst zu groß stigmatisiert zu werden. Zumal die Medien die komplexe Krankheit Schizophrenie oft ins negative Licht rücken und Menschen dadurch voreingenommen sind. Hier fehlt es definitiv an Aufklärung zu der Krankheit. Ein Videointerview hätte ich nicht machen können, da ich noch oft weinen muss, wenn ich darüber erzähle, deswegen hab ich die schriftliche Variante gewählt. Danke für die Möglichkeit hier meine Erfahrungen zu teilen und ein großes DANKE für Ihre Arbeit auf diesem Gebiet! :)"

Die erste Krankheitsepisode hatte ich während Corona 2021. Ich bin frisch zu einem neuen Arbeitgeber gewechselt. Leider entsprach es nicht ganz meinen Vorstellungen und ich wurde gekündigt. Dazu kam, dass ich mich überfordert gefühlt habe, nachdem ich 4 Jahre in einer Großkanzlei in Frankfurt als Partnersekretärin gearbeitet habe und jeden Tag 120 % gegeben habe im Job. Bei mir kam auch noch Liebeskummer hinzu. Ich hatte damals viele Hobbys, denen ich nachgegangen bin (singen im Chor 1x in der Woche, regelmäßig Salsa und Bachata tanzen in der Woche (2-3x), Krafttraining 2-3x in der Woche).

Ich habe aber irgendwann gemerkt, dass mir irgendwie alles zu viel wurde. Nach und nach gab ich die Verantwortlichkeiten ab und isolierte mich immer mehr. Ich war völlig erschöpft und wusste auch nicht so recht wie es weitergehen soll. Nach ca. 5 Monaten der Arbeitslosigkeit hatte ich zu viel Zeit im Internet/Social Media verbracht und mir eine App runtergeladen, in der man anonym Sachen posten kann. Ich hatte versteckte Hinweise entdeckt in der App und zunehmend Angst bekommen, dass mir jemand etwas antun könnte. Verfolgungsgedanken entwickelten sich. Ich habe die Polizei gerufen. Die konnten mir nicht weiterhelfen und sagten mir ich solle mich wieder beruhigen. Ich kam mir vor als wäre ich irgendwie in einem Film. Ich hatte durch die Angst, mich in einem Innenhof versteckt als mir die Polizei nicht helfen konnte. Dazu kam, dass ich 2-3 Tage nicht richtig schlafen konnte und die Angst nahm immer mehr zu. Ich hatte alles auf mich bezogen.

Höhepunkt war, dass ich Richtung Flughafen unterwegs war – immer in Anbetracht dessen, dass mir jemand Hinweise über die App gab — das war jedenfalls das, was ich glaubte. Vom Flughafen nahm ich den Zug Richtung Hamburg. Ich hatte mich verfolgt gefühlt. In Hamburg nahm ich das Taxi. Ich wusste nicht wohin mit mir und wo ich bleiben sollte. Es war wie in einem Film, in dem ich die Hauptrolle hatte. Ich hatte einfach nur Angst. Irgendwann hatte ich auch dort die Polizei alarmiert. Ich hatte verschiedene Personen in diese Geschichte mit involviert ohne dass ich richtig wusste, was mit mir los war.

Die Polizei in Hamburg hatte mich zum Bahnhof gebracht und von dort aus bin ich Richtung Bonn gefahren. Immer noch auf der Flucht. In einer anderen Stadt – 40 Minuten von Bonn – angekommen, hatte ich auch dort die Polizei alarmiert und gesagt, dass ich verfolgt werde und warum mich keiner ernst nimmt. Dort hatte ich mir meine langen Haare abgeschnitten und war nach einer Stärkung unterwegs zu meinen Eltern – immer noch in den gleichen Klamotten.

Das Ganze ging ungefähr 2 Tage. Bei meinen Eltern angekommen, erzählte ich Ihnen die ganze Geschichte, aber sie glaubten mir nicht. Ich habe die Welt nicht mehr verstanden. Nachdem ich mich ein paar Tage beruhigt hatte, bin ich zum Hausarzt in Begleitung meiner Mutter und habe gesagt, dass ich gerne professionelle psychologische Hilfe in Anspruch nehmen würde. Ich wollte unbedingt mit einem Psychologen reden, denn dieser MUSS mich verstehen, dachte ich.

Der Hausarzt gab mir einen Flyer zum Gesundheitsamt. Somit entstand der erste Kontakt zu einer Psychologin. Diese riet mir, nach 2 Sprechstunden stationär in eine Psychiatrie zu gehen, um abgeschirmt von allen Verantwortlichkeiten zu sein, sodass ich mich nur auf mich konzentrieren konnte. Das war für mich ein sehr schwerer Schritt. Leider hat sich mein leiblicher Vater als ich ca. 7 Jahre alt war selbst suizidiert — auch er litt an Schizophrenie, wie meine Mutter mir erzählte. Damals wollte er sich nicht richtig helfen lassen, war unter anderem auch in einer Klinik, aber geholfen hat es ihm nicht wirklich.