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Von der Wunde zur Würde

"Heute möchte ich von mir berichten und preisgeben, dass ich in den letzten 27 Jahren bereits vier psychotische Episoden durchlebt habe."

Heute möchte ich von mir berichten und preisgeben, dass ich in den letzten 27 Jahren bereits vier psychotische Episoden durchlebt habe. In jungen Jahren hat mir meine Seele zwei Krisen gegönnt, da es in meinem Leben damals zu viel unverarbeiteten Schmerz & Stress gab und ich aufgrund dessen wenig bis – kurz vor der Diagnose – keinen (!) Schlaf fand. 18 Jahre hatte ich von akuten psychotischen Phasen Ruhe, allerdings litt ich in dieser Zeit unter Sozialangst, da ich mich selbst stigmatisiert hatte.

Die erste psychotische Krankheitsepisode erlebte ich mit 21 Jahren, das war 1996. Ich habe eine illusionäre Verkennung, Beziehungsideen wahrnehmen können, einen religiösen Wahn entwickelt und infolgedessen mich selbst verletzt. Das war in einer Zeit, in der ich eine Woche lang nur weinte und nicht geschlafen habe.

Der erste Kontakt mit der Psychiatrie war verstörend für mich, da ich direkt auf die Akutstation aufgenommen wurde. Ich habe zu der damaligen Zeit nicht verstanden, was ich angestellt hatte, dass ich nicht raus gehen konnte. Leider fand zum akuten Zeitpunkt keine Aufklärung statt, obwohl ich mir das gewünscht hätte. Auch wurde auf meine Ängste von der Nachtschwester nur mit Bedarfsmedizin geantwortet, statt mit Aufmerksamkeit und Zuhören, was mir auch geholfen hätte. Auf der Station hatte ich auch eine psychische Zeitreise erlebt, obwohl ich mir bewusst war, dass mein Körper gerade auf der Station in der Klinik ist.

2019 und 2020 habe ich meine minimale Erhaltungsdosis, die ich seither nahm, in einer schweren für mich belastenden Zeit langsam versucht mit der 10-%-Regel abzusetzen. Wie es die vorherigen Zeilen erahnen lassen, rutschte ich beide Male in eine Absetzpsychose.

Jetzt nehme ich wieder die Tabletten, aber in einer höheren Dosis als zuvor. Aktuell wage ich nicht auf die altbekannte Erhaltungsdosis zurückzugehen, da in meinem Leben eine geliebte und wichtigste Stütze weggebrochen ist. Mein bisheriges Leben hat mich gelehrt, dass ich bei Stress und Trauer vermehrt auf mich achtgeben muss und deshalb halte ich die jetzige Dosis für angebracht. Meine Rückfallprophylaxe umfasst auch ausreichend Schlaf, Sport und gesundes Essen.

Nichtdestotrotz setze ich mich für Entstigmatisierung ein, indem ich hier meine Geschichte umreiße und mich mit (m)einem Gesicht und (m)einem richtigen Namen zeige. Meine (Selbst)Stigmatisierung habe ich mit Hilfe von Familie, Freunden, meinem Mann und Therapien verarbeiten können, obwohl es nahezu zwei Jahrzehnte lang andauerte, dass ich darunter litt.

Die (Selbst)Stigmatisierung bedurfte einige Arbeit, um sie zu überwinden, dabei hat mir u.a. auch die Gesprächstherapie sehr helfen können. Wer mehr zu meinen vier Phasen erfahren möchte, der ist herzlich eingeladen und willkommen meine Bücher zu lesen. Ich habe mich auch zusätzlich 25 Jahre mit Fachliteratur beschäftigt und verarbeite es auch in meinen beiden Büchern.

Allerdings müsste ich die Bücher auch mit einer Triggerwarnung versehen, da es teilweise keine leichte, noch seichte Kost zu sein scheint. Aber es sollen dennoch Mutmachbücher für Betroffene und nichtBetroffene sein, um aufzuzeigen, dass es durchaus möglich ist ein zufriedenes und glückliches Leben zu führen, trotz dieser Neigung bei einem Zuviel an Stress und Schmerz psychotisch zu werden. Abschließend wollte ich noch gerne betonen, dass es in der Tat jeden treffen kann, der seine Grenze der aushaltbaren Belastung überschritten hat. Deshalb muss man darauf achten – auch als noch nichtBetroffener, dass man sich seine Ruheinseln täglich gönnt, um in Balance zu bleiben und ausreichend schläft.

Meine Bücher: 

#(selbst)STIGMA — Erfahrung mit „psychotischen Krisen

#(selbst)lsolation — Sozialangst überwinden

Symbolfoto
Foto von Denys Nevozhai auf Unsplash